Schreien

Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, aus­gemer­gelt, hysterisch nackt,

wie sie sich durch die Straßen schleppten auf der Suche nach…“ – nach dem Empfinden von Wut, nach unbeschreiblichem Glück…nach ei­nem Men­schen,

Wilde, in stürmischen Reden von der Faszination zügelloser Gesten, von der Kraft des Schmerzes, von der Entfesselung tiefster, ketze­rischer, den He­roi­nen geweihter Träume –

und ihr Staunen in Sonnenaufgängen, ihr Bleiben in Sonnenuntergän­gen, und die Sprachlosigkeit und die Stille, wie begierig wach­send: ihre Liebe an das Schweigen,

Widersinnige, „mit Engelsköpfen, süchtig nach dem alten himmlischen Kon­takt zum Sterndynamo in der Maschinerie der Nacht“ – Hinter den ruß­geschwärz­ten Öfen hervor: Baudelaire, in dessen Augen doch das Unsagbare glimmte. Dir reinige ich gern die Hände und trockne mit meinem Hemd Dein Syphillisblut! So reiche mir den letzten Absinth, denn was ich sehe und ver­künde, ist das Sein jenseits aller Worte, dort wo Düfte, Farben, Formen uns führen werden: jenseits dieser Freiheit! –,

doch was war all dies zuvor?, was waren wir frei, rein, ungeduldig und un­schul­dig, begierig und dumm,

den Donnerschlägen verhärmter alter Bücher- und Pendelschwinger, Treidler geborgten und gebogenen Lichts ausgeliefert: Wo sich das Rückgrat zu beugen begann, waren hölzerne Räder,

die totgeglaubte Generation, so wollte es uns von jeder Häuser­wand väter­licher Backsteinbauten ins Gesicht schreien, der feine Gas­geruch noch in der Nase,

wir, Unbelehrbare, denen das Blut schwoll, damit das Vakuum von den Her­zen weicht,

und was waren überhaupt Traditionen für uns?…: Diktaturen zur Ein­schüchterung der Seele,

und unser Herz: Gedrückt in Paßformen der Menschlichkeit, die doch viel zu starr waren, um in den gesichterverzerrenden Wegen des Begriffes Zeit eine Wahrheit zu erkennen,

wir, die herausfielen aus den Waagschalen der auf viel zu schnell ver­fallendem Papier manifestierten Sicherheit und dem hingabevollen Be­dürfnis nach dinglicher, nach lachhafter Obhut,

wir, vergiftete Schmeißfliegen, die zu Boden fielen und aufsahen zu Mamère société: Der sanfte Regenbogen hatte uns verlassen,

wir, Vogelfreie, wie wir wild mit den Flügeln schlugen und im Sturzflug über die Köpfe der anderen rauschten, „Schaut, das sind die To­desengel“, und was hatten wir darüber gelacht – wir waren jung, ohne Namen und ohne Wut, niemals Erzengel, niemals Rächer, wie hattet Ihr uns doch nur so sehr miß­verstehen können!,

wir, die in wahren Stunden die brennende Sanduhr in den Händen hiel­ten und beteten, der Glockenschlag möge uns bei der Hand neh­men und fortführen aus diesem stillstehend rasenden Tempo, in dem die Welt be­wegt wird,

wir, die nicht dorthin zurückkehren konnten, woher sie kamen, weil sie nicht wußten, wo das liegt,

wir, die nicht bleiben konnten, die sich nicht sicher waren, ob sie zu­rückkommen wollten, wenn sie wiederkämen,

wir, die schrien, was das Zeug hielt, in den Vierteln der Städte lärmten, die Falschmünzerblumen von den Wände rissen für die, die schwei­gend oder Flüche schleudernd die Straßenseite wechselten, wenn sie dieser lauten Brut begegneten und mit hohlgeschwolle­ner Brust proklamier­ten, „Geht doch nach Sibirien, dann wißt Ihr, was Freiheit hier bedeutet!“ –, hattet Ihr denn je­mals unser Seh­nen vernommen, es niemals in Euren eigenen Herzen ge­spürt?,

wir zerstachen uns die Wangen, die Lippen – alles, was zwischen unse­re neu­gie­rigen und unbändigen Hände geriet, bohrten wir durch unsere Kör­per, um jetzt endlich das Gesicht wirklichen Schmerzes zu erfah­ren – wir wollten wissen, warum es hieß, „Kinder, Ihr tut uns weh!“ und warum man uns den Zugang zu dem Kreuz des Trostes, zu den Wür­mern dieser Erde verwehr­te,

wir verzehrten die Straße, wir fraßen das Licht, so wie wir uns die Nacht unter die Fingernägel kratzten: Wir forderten alles – all das, was nie­mand sonst wollte, vor dem man Angst zu haben hatte, – waren es gar Gefühl, Wärme, Liebe und…Wirklichkeit?,

und je leidenschaftlicher die Entdeckungslust nach reinem, ungedämpf­tem Licht, um so unfruchtbarer erschien der lehmige Grund, in den wir un­sere Wur­zeln zu schlagen suchten: Wir schauten aus nach Gedan­ken jenseits jegli­cher Definition und bekamen Wortlo­sigkeit zur Antwort oder (schlimmer noch) Ondits, die mitgebracht wurden aus den Tagen, in der Sterbensstille herrschte: Wir blie­ben stets unbe­gründet, Freiwild – und so war es egal, welchen Ufern wir uns zu­wendeten, konnte doch alles besser sein als der Stillstand und das Ausharren des gelähmten Viehs unter dem Da­moklesschwert in den Händen rohgesichtiger Metzger –,

wir hofften, die Erde wäre in Millionen Stücke zerschlagen, und wir hät­ten im riesigen All ein kleines Stück davon erwischt, das nun rich­tungslos, ver­loren, wie ein Schiff ohne Steuer und Seemann durch das Universum schweifte,

wir entfernten uns von der warmen Gebärmutter der Erde und näher­ten uns so der Welt,

doch die Hochhäuser, diese riesigen Wohnblocks, die polierten Fassa­den der mittelalterlichen Gebäude mit ihren blinkenden Messing­schildern, die blan­ken Gesichter auf den Straßen, das tödliche Stillschwei­gen hinter vergilbten Fenstervorhängen, die verkniffen leblosen Lip­pen wurden uns unheimlich,

Angst braute da jemand in unseren Seelen zusammen: Unsere Freiheit, unsere Freiheit, war sie doch aus dem Blut maßstabsgetreu zeich­nender Ideali­sten ohne Herz und Hirn erwachsen – wir hatten uns nie auf die Suche nach der freien Freiheit begeben…nicht einmal eine Ahnung hatten wir gehabt, wie wir hätten beginnen sollen, nein, keine Träume, kein Wahn,

wir schlossen die Augen, schweigend wie alte Zen-Meister, und eine Zeit lang lernten wir den Atemzügen des Tages zu mißtrauen und le­thargisch sin­nend unser Ableben zu proben – wie gottlos die Ge­stalten, unser Sein, doch lichterfüllt,

und es vergingen die Tage, in denen wir uns den Klängen der Farben, dem At­men der Stille, der lustvollen Hingabe absoluter Bewe­gungslosigkeit ganz öffneten, – Kinderseelen, wieder auf dem Grunde des Innersten?,

doch dann kam mit einemmal das Tosen wie von einem gewaltigen Mahl­werk über uns und ihm folgte ein unbändiges Lauffeuer, das durch die Häuser­schluchten jagte und jede Kontur mit sich riß,

wer sich widersetzte, fand sich wieder inmitten von zerbrochenen Frag­menten, nie gestellten Fragen – und eine Fallsucht ergriff ihn, wenn er in die Ritzen der Bordsteinplatten, die Abzugsgitter ent­lang der geschäftigen Büroge­bäude, die Abflußrinnen der öffentli­chen Toilet­ten blickte,

ungezählt: Die entzweibrachen in dem Erkennen, niemals die unermeß­liche Ah­nung ihrer Wünsche und Sehnsüchte erblickt zu haben – der einzige Schluß, den sie nun zuließen: Verleumdet den Wahn, der Euch ergriffen hatte!,

ungezählt: Die sich im LSD-Rausch vom Dach der Hochhäuser nahe der Bahn­höfe riesiger Städte stürzten,

ungezählt: Die Ikonenbilder in nebelhafter Zerrissenheit küßten, an ei­nem frü­hen Morgen in psychiatrischen Rehabilitationskliniken lan­deten, um seit­dem Ken Keseys „Einer flog über das Kuckucksnest immer und immer wieder zu lesen und dabei mit den nackten Fü­ßen auf dem geka­chelten Boden zu scharren,

ungezählt: Die sich rotglühende Stecknadeln in die Augen bohrten, hoff­nungslos und unfähig ihre Gestalt in den Reflexionen der Schaufen­ster auf den Hauptstraßen zu ertragen,

und überall konnte man sie sehen: Die vorbeibrausenden Züge, an de­ren Füh­rerwagen große Transparente angebracht waren, Zum Ziiiiel!, und die meisten Mitfahrenden sahen stur geradeaus, mit der Nase im Wind, mit dem Pulsschlag der Welt – nun eins,

ungezählt: Die ihnen hinterher blickten, nicht verbittert, nicht trauernd – Jahr­zehnte zuvor hätten sie sicherlich mit den verbliebenen Sehn­süchten das freie Leben ausgerufen, aber sie waren ge­brannt, niemals würde es ihr Ziel sein, dieandere Gesellschaft“ zu gründen: Wie hätten sie der ge­dankenlo­sen Akzeptanz, dem dumpfen Kopfnicken, mit denen man sein Veto an eine gespensti­sche Fiktion verkauft, die Hand reichen können,

und ich sah sie nahe bei mir, als sie sich auf den Flohmärkten eine Olym­pia, eine Luxor, eine dieser riesigen Adler-Schreibmaschinen kauften, unter denen fortan ihre Schreibtische ächzen sollten,

ausgerüstet mit Stapeln von Papier, Kannen von Kaffee, Cigaretten, Wein, Kif, Jazzmusik der 50er und 60er Jahre, Coltrane, Getz, Skank, Ba­ker, mit den fünfzehnminütigen Stücken der Grateful Dead und den Velvet Un­der­ground und mit Punk der Sex Pistols, the Clash, Gene­ration X gingen sie an ihr Werk,

sie spreizten die Finger, streckten die Arme und spannten die Papierbö­gen in ihre Maschinen, doch sie spürten, daß sie noch immer wortlos waren, daß sie nichts von dem greifbar hatten, woran sie glaubten – alles, was vom strah­lenden Tagesbeginn blieb: das zü­gellose, aber un­deutliche Verlangen nach einem Schrei,

und ich hörte sie nachts heulen, in den Nebenstraßen, in den kleinen ver­wun­schenen Bars, manchmal in Frankreich, Spanien, Norwe­gen oder Indien, wenn sie wieder einmal ausgerückt waren, um für ein paar Tage, „we­nig­stens für ein paar Tage“ diesem verfluch­ten Ich zu entgehen,

und ich traf sie am frühen Morgen auf den Terrassen, auf den Treppen­absätzen hockend, an den Stränden sitzend, wenn sie sich wild krit­zelnd be­mühten ihren zerfledderten Notizblöcken nur einen Hauch ihrer Ah­nung einzutä­towieren ,

wenn sie verbissen versuchten sich zu entlarven, sich zu entblößen, nackt zu sein unter der baren Sonne, blutend ihr Herz ergossen – manch­mal so betrun­ken, daß sie nicht einmal bemerkten, daß es nur ein Schluck billi­ger Côte du Rhône war, der über ihre Leiber floß –,

und an manchen Tagen erstrahlte vor ihren Augen das ersehnte rote Licht und flüsterte mit einem Schulterzucken, „Entschuldigt, keine Neuigkei­ten, nichts habt Ihr gelernt, doch paßt auf, daß Ihr nicht den Versäumnissen hinterher rennt!“,

hätten sie gekonnt, hätten sie sich mit kleinen Skalpells, mit metalle­nen Häm­merchen die Schädel und die Herzen geöffnet, um zu er­gründen, was sich wirklich dort drinnen tat, was dort fortwährend schlug und die un­erträgli­che Leere in ihrer Brust fütterte,

erneut sprangen welche von den Häusern oder brachten ihre Hirndecke zum Bersten bei dem Versuch die Sonne festzuhalten – nur die, die am Strand saßen und leise weinten, erwarteten angespannt, was ihnen be­vorstand,

Nacht für Nacht lagen sie in ihren Betten, fiebernd, die Augen starr in die Dun­kelheit gerichtet, Schatten hinter ihren Augen, gebeutelt von der panischen Angst, der innerlich brodelnden Angst, sogar das unhalt­samste Selbstver­trauen verloren zu haben: Zweifel an der Berechen­barkeit der eigenen Verrücktheit,

und den Strömungen der Bewegungslosigkeit übereignet trieben sie aus­ein­ander, stießen wieder zusammen, prallten ab, gingen mit den Winden und fanden andere Ufer,

die einen glauben sich glücklich beseelt, andere strafen die Welt mit miß­traui­schen Blicken und wieder andere leben in atem- und leb­loser Kampfes­be­reitschaft, gewillt, ihre Innenwelt bis aufs Blut zu verteidi­gen,

und immer und immer wieder stößt es mir auf: Dieses belustigte Lä­cheln de­rer, die in den Cafés sitzen, sich selbst verleugnen, diese Schein­existen­zen, die alles Begriffliche virtuos zu benutzen glau­ben und vortäuschen, all dem den Rücken zu kehren, wenn sie sich vollends zu verraten dro­hen,

und auch die, die väterlich-kritisch ihre Zöglinge um deren Jugend be­dauern, ohne sich die Mißgunst eingestehen zu können, wie sehr sie sich vor ih­rer eigenen Jugend fürchteten, noch immer unwis­send, daß sie kein Ab­laufda­tum besitzt, geschaltet mit dem Alter!,

und fast wäre es mir die Träne nicht mehr wert für die, die tagtäglich hoff­nungs­los hoffnungsvollen Zeitgeistüberlebenstips hinterher ren­nen und dabei nicht bemerken, daß sie ihren eigenen Schatten längst billig ver­kauft haben,

und ich frage: Ist alles erreicht, was einst gefordert wurde oder sind es doch nur Zugeständnisse durch Gewöhnung, die ein weiteres Auf­heben erspa­ren, die Nerven aber auch das Schlagen in der Brust be­täuben?,

die einzige Tugend nur noch: Gebete, daß ein Blick in die digitalen Ve­nen der Gesellschaft, ein 0190-Gespräch für eine Mark zwanzig die Legion ihnen kontinuierlich versichern, daß Selbstgespräche Aus­druck nagen­den Schwach­sinns sind, Selbstverständnis ein überkom­menes Privileg körner­fressender Eigenbrötler?,

Existenzängste an halbseidenen Fäden, Abhängigkeiten von schwerelo­sen Ant­worten, wenn sie zu ihren Portable-Phones greifen, bei Freunden anrufen und fragen: „Glaubst du, ich bin der, nach dem ich aussehe? Hast du das Gefühl, ich bin noch mit mir vereinbar?“ und laut aufheulend auf die Knie fallen, weil am anderen Ende der Leitung eine Stimme meint, „Komm, sei ruhig! Was glaubst du, was ich erst für Probleme habe!“,

und ein Ertauben in den Fingerspitzen macht sich breit, seht sie doch nur, wie sie nach draußen strömen, mit größter Wachsamkeit be­waffnet, um viel­leicht ein letztes Mal das Seufzen der Luft, die Ge­duld oxidie­render Springbrunnen aufzunehmen, um es nicht mehr zu vergessen und dann zeitverloren dasitzen, die Augen halb ge­schlossen und sich so weit weg seh­nen,

und wie sie wieder beginnen zu grübeln, über prägnante Grenzen, die ver­meint­lich unüberwindbar sind, über den Verbleib romantisierter flie­ßender Über­gänge, über Maßregelungen des Ganzen, warum es in Zeit, Raum, Nutzen und doch konsequenzlos eingekerkert ist,

so sie sinnen darüber nach, ob ein Leben ohne den Verlust der um­fassenden und tiefgreifenden Sicherheit vielleicht doch keine tiefere Be­deu­tung hat – sie überprüfen die Idole, Helden, ertasten behut­sam, ob diese nicht lediglich paradiesische Hirngespinste waren, Huckle­berry Finn, Dean Moriarty, El Hakim, Couplands Helden in „Ge­ne­ration X“, Monsieur Bovary, Rimbauds verrückte Jungfrau: Protagonisten, die nie dem Duft wahrhafti­gen Lebens ge­folgt wa­ren?, und wenn doch, Was ist mit ihnen geschehen?, Stumpften sie ab?, Hielten sie durch?, Fanden sie den Hort ihres Wahns?,

schaut nur, wie sie zu stöbern beginnen nach einem Gott, der verant­wortlich zu machen ist, für all das, was halt nun mal so ist, was halt nun mal so bleibt, für unbegründbare Mißstände und Fatalitä­ten – und die, die auf ihrer Suche Erfolg haben, sind glücklich, aber auch gefährlich, und die, die vergeblich weitersuchen, wer­den einst skep­tisch,

und all ihr Forschen gleicht doch nur der Art tageslichtblinder Maulwür­fe, die vor jedem Neuen, jedem Fremden, jeder Kontur zurück­schrecken,

sie suchen nur scheinbar nach dem Widerspruch und finden statt des­sen auf­ge­stellte Schilder, die ihnen bequem den Weg weisen, so daß sie gezielt gegen gezielte Scheinrealitäten vorgehen können,

und man fühlt sich erinnert an die von Magengeschwüren gezeichneten Patienten in der Schönheitschir­urgie, die sich ihre verzerrten Ge­sichtszüge glätten lassen, um wenigstens bis zum nächsten Mal ein wenig angstloser in den Spiegel sehen zu können,

und meine Gedanken zerfließen im Atem des Selbstbetrugs,

meine Worte fliegen auf und brennen einander nieder,

mein Gesicht gleicht jedem Profil,

mein Herzschlag tönt mit dem Rumoren der inneren Erde,

mein Blick reicht jenseits allen grellen Lichts,

mein Sein währt länger als jede Halb­wertzeit

und all mein Sehnen reduziert sich auf das Beenden jenes unaufhörlichen

Schreis !